Arbeiten in der Stille
- Annette Rümmele

- May 6
- 3 min read
Ein Porträt der Künstlerin Dietlind Horstmann-Köpper
Annette Rümmele
Ihr Atelier spricht Bände. Man erreicht den ausgebauten Heuboden über einen Seiteneingang. Für den Besucher eröffnet sich ein weiter Blick in den Garten und das umliegende Heideland soweit das Auge reicht. „Das ist oft eher störend“, erklärt sogleich die Hausherrin, mit Blick auf fehlende Inspirationen. Hier im Kunstdomizil der Malerin Dietlind Horstmann-Köpper finden sich wahre Schätze. Porträts großer Künstlerinnen und Künstler. Als studierte Kunstpädagogin zog es die Künstlerin, 1947 geboren und aufgewachsen in Schneverdingen, zunächst in die Ferne. Erfahrungen sammeln, reisen, unterrichten. Doch der Kunstunterricht lenkte sie zu sehr von ihrer eigentlichen Profession der Malerei ab. Auf Grund persönlicher Umstände kehrte Dietlind Horstmann-Köpper beinahe unfreiwillig in ihre alte Heimat nach Schneverdingen zurück. Ihr Mann hatte das alte Schulhaus gekauft. Das Haus war dann da, die Möglichkeit ein Atelier zu errichten ebenso. Der Wunsch, in die Stadt nach Hamburg oder Berlin zurückzukehren sei in den letzten beiden Jahren etwas zurückgegangen, obwohl die soziale Anbindung hier auf dem Land gleich Null sei. Zwar kuratiert die Künstlerin den Kunstraum im Kulturverein - und das wird von der Bevölkerung auf dem Land auch gern gesehen, aber es nimmt niemand so richtig teil. Ihren Kopf und ihre Seele nährt Dietlind Horstmann-Köpper deshalb mit Freunden aus aller Welt. „Also weitläufig, nicht nur in Deutschland, wo ich sehr viele Freunde habe“, erläutert die Künstlerin. Durch viele Gespräche und die Auseinandersetzung mit interessanten Menschen und Kulturen entstehen neue Gedanken, Ideen und Inspirationen.
In der Malerei regte sie die umgebende norddeutsche Landschaft an. Ihre Darstellungen der Rinder und Kühe in ihren frühen Werken verstehen sich als Hommage an die Schönheit und Würde dieser Geschöpfe. Dietlind Horstmann-Köpper spricht auch bei den Tierbildern von Porträts, „Kuhporträts“, um die Individualität dieser Tiere zu unterstreichen. Es gerät in der modernen Zeit komplett in Vergessenheit, dass Rinder einst in Freiheit lebten. Gemälde führen den Menschen und das Tier auf die Elementarebene des Seins zurück und machen sie zur Kreatur, zum anonymen Geschöpf, schreibt Angela Holzhäuer in der Retrospektive „Arbeiten aus drei Jahrzehnten von Dietlind Horstmann-Köpper“. Demgegenüber stehen Aktdarstellungen, die mit ihrer erotischen Ausstrahlung den Betrachter in ihren Bann ziehen und gleichzeitig auf Distanz halten. Denn die Akte sind ausnahmslos gesichts- und kopflos. Auch hier geht es um eine allgemeine Typisierung und die Brüchigkeit der Existenz. Die gesammelten Themen berühren mich als Betrachterin tief. Die Werke, Gemälde wie Plastiken, sind keine Abbilder einer äußeren Wirklichkeit. Sie erschaffen vielmehr Innenbilder, die geheimnisvoll wirksam sind und dem ruhigen Wesen der Künstlerin entsprechen. Ihr Atelier atmet kreatives Chaos und gleichzeitig meditative Stille.
Neben vielen Frauenbildern sehr bekannter Künstlerinnen, wie zum Beispiel Else Lasker-Schüler, malte Dietlind Horstmann-Köpper ein ausdrucksstarkes, überdimensionales Bild ihrer Mutter. Gewagt und gekonnt, denn mir drängt sich sofort die Frage auf, welchen Stellenwert die zarte Künstlerin als Frau und Tochter neben dieser starken, selbstbewussten Dame hat? Ich bewundere den Mut, die eigene Mutter als alte Frau, die sich selbstbewusst in einem kurzen Sommerkleid auf dem Sofa räkelt, zu thematisieren. Das Thema Mutter kommt in der Lyrik und der Kunst sehr selten vor, sage ich und spontan fällt mir nur das Gedicht von Annette von Droste-Hülshoff „An die Mutter“ ein. Ein Gedicht über die Liebe zur Mutter, die man nicht ausdrücken kann. „Stimmt!“, bestätigt Dietlind Horstmann-Köpper, „ist mir noch gar nicht so aufgefallen. In der Malerei gibt es zum Beispiel die Mutter auf dem Sterbebett. Mir fällt ansonsten nur das Bild der Mutter von Lucien Freud ein. Aber auch dieses ist sehr bürgerlich aufgefasst.“
Die berührendste Geschichte erzählte mir Dietlind Horstmann-Köpper zu dem Porträt eines Künstlers, der zum Zeitpunkt des Auftrags bereits schwer krebskrank war, was die Malerin nicht wusste. Über den Malprozess ist er verstorben. Deshalb war gerade dieses Porträt eine große Herausforderung, weil er sich durch die vielen Chemotherapien ständig veränderte. Die ursprüngliche Straffheit im Gesicht verging. Es ist dieser Prozess des Vergehens, der sich in diesem Porträt ausdrückt. In jedem Porträt steckt ein Veränderungsprozess in der Entstehungsphase, aber nicht in einer solchen Dramaturgie, dass das Modell während des Malens verstirbt. Diese Diskrepanz ist sehr auffällig. Die Krankheit wird sichtbar. Dietlind Horstmann-Köppers Porträts sind keine geschönten Abbilder, wie die Gemalten gerne gesehen werden wollen, sondern ein Ausdruck der Persönlichkeit, mit allen Rissen und Ungefälligkeiten, die das Leben schreibt. Und das zeichnet die Künstlerin aus. Mut zur Ehrlichkeit und Kunst, die Mut macht.




















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